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Gedichte lesen

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Jamie_Konrad_QUICUMQUE_Was_weiss_ich
 
 
 
Aktuell: Was weiß ich
 
Sprache ist Natur und Kultur zugleich. Während man sich später im Leben vielleicht gelegentlich daran erfreut, dass man das ein oder andere in der Schule nolens volens Auswendiggelernte deklamieren kann, ist die verfeinerte, nachdenkliche Befassung mit dem geistigen Genussmittel Lyrik mittlerweile wohl noch seltener anzutreffen als gemeinsamer Gesang mit den Nachbarn bei der Ernte oder beim Feierabendbier. Sich Lyrik mit Lust und Verstand, mit Lust am Verstehenwollen zu nähern, ist eine untergehende Kulturtechnik. 
 
 

Aber wer weiß, vielleicht lässt sich diese Kulturtechnik ja wiederbeleben?

 

Zum Einstieg, zum wieder Neugierigmachen hatten wir aus 

Jamie Konrads „planetenlieben“ das Gedicht lebensvermessen (fanciulli di girolamo)“ ausgewählt. 

Es folgten "... I am haunted by..."

und "Hätten wir"

 

Unsere aktuelle Auswahl: Was weiß ich

 

Natürlich freuen wir uns auf Post von unseren Lesern mit eigenen Gedanken, Überlegungen und Assoziationen zum Gedicht an verlag@quicumque.de oder per Briefpost an die Verlagsadresse.

 

 

 

Was weiß ich

 

Was weiß ich

wieso

wir uns hier

bewegen ins

Loch, im Kreise

immer auf der Suche 

nach der eignen 

Scheiße, als ob es 

Trüffelpilze wären, reine 

Genüsse für uns 

Schweine.

 

Was weiß ich 

weshalb

wir uns wie

die Vögel liken 

ganz wichtig 

witzig wild 

ganz ehrlich 

um gleich 

darauf nochmal 

zu feixen das 

Töten

tut uns gut.

 

Was weiß ich 

warum

wir unsre Mäuler 

stopfen mit Unrat 

Unflat, Untat und 

das dann Kotzen 

den andern

ins Gesicht 

als seien sie 

schuldig

vor Gericht 

und wir nicht.

 

Was weiß denn

ich

stress nicht

wenn’s doch läuft 

was kümmert’s mich 

entspann dich

bin

ich Jesus? Was kann ich 

dafür, wenn von uns drum 

die Welt ersäuft

sinnlos

sich darüber aufzuregen 

oder? Ich weiß nicht... 

Nichts.

 

(aus: "planetenlieben" von Jamie Konrad)

 
 

 

Gedanken zum Gedicht

 

Ein Gedicht in vier Strophen. Das weder mit deutlichen noch derben Worten spart. Eigentlich liegt in ihm alles offen zutage: nämlich das Wundern darüber, wie wir miteinander umgehen. Dieser Umgang wird durch das Dauerfeuer in den sogenannten sozialen Medien sichtbarer und wirkmächtiger. 

 

Braucht es überhaupt noch eine Gedichtinterpretation? Wenn schon alles klar ist?

 

Jamie Konrads Gedichte haben immer mehrere Ebenen – und die locken, verführen. Verführen zum Nachforschen, Auszählen, Spielen. Vielleicht gibt es Hinweise auf Konstruktionen in der Konstruktion? Gibt es ein Versmaß mit besonderer Bedeutung, das auf andere Ebenen verweist? Eine Strophenform, die Bezüge zu anderen Gedichten herstellt? Versteckt sich irgendwo Zahlenmystik?

 

Die Vier kann etwas bedeuten. Zum Beispiel ist sie eine Zahl mit fester Verankerung im westlichen Welterschließungssystem: vier Jahreszeiten, vier Himmelsrichtungen, vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft) und vier Temperamente (sanguinisch, phlegmatisch, cholerisch und melancholisch). 

Und aus dem Westen kommt auch das Internet, das sich nicht zum erhofften Demokratiebeförderer entwickelt hat, sondern vielmehr zu einem Ort maximaler Kleingeistigkeit, in dem die eigne, enge Welt fleißig beschaut, wenig gedacht, viel gemeint, viel Häme, Beleidigungen und Vernichtungsphantasien verbreitet werden, Schuld zugewiesen und wenig Verantwortung übernommen wird. Es geht aber auch zu leicht: Ein Like hier, ein Bildchen da, ein Halbsätzchen dort, befeuert vom Echo der Gleichtuenden und richterlichen Entscheidungen, was an Androhungen und Ehrverletzungen alles zu dulden ist.   

 

Zehn Worte stehen in diesem Gedicht einzeln. Dahinter könnte sich eine Bedeutung verbergen. Da wären die 1 und die 0 als Grundlage aller Computerprogramme und damit des Internets. Aber auch die Zehn als ein Symbol für Vollendung und Macht. 

Liest man diese zehn Worte strophenweise hintereinander, bleibt „wieso Schweine, weshalb Töten, warum schuldig, ich bin sinnlos Nichts“. Wieso, weshalb, warum? Wem käme nicht die Melodie der Sesamstraße in den Sinn und die Fortsetzung „Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ Aber im Gedicht sind es eher empörte Zurückweisungen im Gewand der Frage: „Warum sollten wir uns für Schweine halten? Weshalb sollte wir unsere Beiträge im Netz mit Töten gleichsetzen? Warum sollten wir schuldig geworden sein? Das lyrische Ich kennt nur eine resignierte Antwort darauf: Es ist das Eingeständnis der eigenen Sinnlosigkeit in der Kombination von 1 und 0: „Was weiß ich? Nichts.“

 

 

 

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