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lebensvermessen

lebensvermessen

 
Jamie_Konrad_lebensvermessen_QUICUMQUE
 
 

 

lebensvermessen

(fanciulli di girolamo)

 

als – erinnert euch! – vor 

nicht allzu vielen jahren es 

in städten und 

in den dörfern 

auf den märkten die

es alle noch gab 

auch den senf noch gab 

der nicht einfach noch 

dazu gegeben wurde

sondern mit bedacht 

und auf wunsch 

zu bock- oder bratwürsten da 

gab es noch kinder 

die ungehörig verspätet 

mit flecken vom gewünschten 

senf auf ihren altertümlich 

unintelligenten nicht 

plattformvernetzen irgendwie 

und manchmal sogar tatsächlich 

selbstgestrickten kleidungsstücken 

nach Hause kamen

wo sie daraufhin empfangen wurden 

empfangen immerhin 

mit vorwürfen elterlicher liebe

die beide damals erlaubt und

wahrhaftig noch durchaus 

üblich waren 

könne man nicht besser 

aufpassen und wieso 

wieder so getrödelt wo 

sei man denn gewesen 

wolle man unbedingt 

die geduld oder 

nerven auf proben stellen 

oder schlimmeres gar 

und da schworen sich die kinder 

die es damals noch gab

heimlich aufzubrechen los weg  

bloß auszubrechen heute 

gibt es das nicht mehr da 

der allgegenwärtige 

appgott auf uns in uns 

herabfährt aus seiner allumfassenden 

wolke viel heiliger als jeder geist 

nicht nur zu pfingsten uns 

immer wieder 

aufs niemehrpausenbrot seine 

allüberlegene weisheit 

unergründlich zu schmieren 

kein schmecken 

kein senf keine wurst 

schon gar keine extra 

auch keine märkte mehr

städte oder dörfer 

kein selbstgestricktes 

kein selbst 

verficktes kein eigenes 

versehentliches 

und noch weniger 

ein absichtliches 

zuspätkommen kein getrödel 

keinerlei flecken mehr 

alles sauber lebensvermessen

alles rein erkannt biometrisch 

bereinigt gesichert die totale 

sonde kümmert sich 

um uns zentral

im tiefen netz optimierung 

unserer stimuli notwendig

absolut zur pflege 

der alles gut gemeinschaft 

getrackt gescort geordnet nah 

und fern und feingesteuert 

führen die einstigen kinder 

mit heiligstem elektrischen eifer 

im namen des einzig wahren 

planetengerechten 

ihre arrestzelle 

über den bußtod 

hinaus mit sich herum als

ihre eigenen gefängniswärter 

 

 

(aus: "planetenlieben" von Jamie Konrad)

 

 

Gedanken zum Gedicht

 

Befasst man sich im ersten Gang durch das Gedicht nicht weiter mit dem Titel und folgt man gutmütig der Aufforderung „erinnert euch!", steigen mit den Zeilen Merkmale der Kindheit und Jugend irgendwo zwischen den späten 50ern und den frühen 80ern in einem auf: Die Konsistenz des zum x-ten Mal mit Essig neu verflüssigten Senfes auf Märkten und Dorffesten, die unverwüstlichen Polyesterstrickpullis, das Spielen auf der Straße, die Ermahnungen im Ohr, pünktlich zum Abendessen daheim zu sein. Man spürt das eigene wohlige Sonnen im Früher-war-alles-besser, denn wir hatten ja noch eine richtige Kindheit und Eltern, die auf uns warteten, und heute geht alles per App, und Märkte gibt es auch nicht mehr. 

 

Aber etwas stört das Schwelgen in der Vergangenheit – der Rhythmus des Gedichtes treibt einen vor sich her, „kein selbst verficktes“ sperrt sich. Also liest man von vorne, beginnt beim Titel: „Lebensvermessen“ ist zweideutig, denn „vermessen“ kann einerseits in Zahl und Maß erfasst bedeuten und andererseits überheblich, mit unangebrachtem Anspruch. Die "fanciulli di girolamo" sind jene Kinder und Jugendlichen, die Girolamo Savonarola im 15. Jahrhundert massenhaft aufhetzte, in Florenz im Fegefeuer der Eitelkeiten Bücher, Kunst, Musikinstrumente, Schmuck und vieles mehr zu verbrennen, was er und (durch ihn) ebenjene Kinder für verkommen hielten. Savonarola und seine zornige Moralstürmerei ereigneten sich im Zeitalter der Renaissance in Europa, nachdem zuvor Marco Polo aufgebrochen war, um eine Ahnung von der Ausdehnung und der Macht des chinesischen Kaiserreiches, der Welt, des Himmels und der Erde und also der Beschränktheit der von nun an erschütterten europäisch-mittelalterlichen Provinz zu bekommen. Die Renaissance: ein Zeitalter der Umbrüche, Weltenstürme, Unruhen, Pestillenz, Kriege und Ängste und gleichzeitig ein Zeitalter der Errungenschaften, der Künste, des Geldes und des technischen Fortschritts. 

So beschleicht einen die Ahnung, es könnte gar nicht nur um Kindheit vor einigen Jahrzehnten gehen, sondern um Kindheit überhaupt (also auch in der Zukunft), um Kindheit mit der immer wiederkehrenden Überzeugung, mit der immer wiederkehrenden Lebensvermessenheit, es in jedem Fall besser zu machen als die Eltern. 

 

Weg von den Vorwürfen elterlicher Liebe sind jene geflohen, welche die Lebensvermessung ihrer selbst und ihrer Nachkommen zu verantworten haben: wir sind komplett erfasst nach Zahl und Maß, wir und unsere Kinder sind per App überwacht, überwachen uns auch gegenseitig. Wir sind vermessen, weil unsere Daten gespeichert und ausgewertet sind und werden. Und wir sind vermessen, weil wir einmal mehr mit religiösem Ernst und fester Überzeugung bestimmen wollen, was richtig ist und was falsch, was gut ist und was schlecht, was nützlich ist und was unnütz. Wir folgen einem „einzig wahren planetengerechten“ – man horche nur in sich und seine Moral hinein, man schlage nur die Zeitung auf, wo man jede Menge großartige Moral-Aktivisten und Moral-Aktivistinnen findet, und lausche den Weisheiten, die einem pausenlos („niemehrpausenbrot“) serviert werden. Wir sind verführt und verblendet wie die Kinder des Savonarola, wir sind Maurer und Wächter unserer eigenen Gefängnisse und unserer Unfreiheit. 

 

In der Form und auch dadurch, dass alles klein geschrieben ist, erinnert das Gedicht an die Art, wie Kurznachrichten verfasst werden: als Einzeiler, ohne Rücksicht auf Groß- und Kleinschreibung, in der Regel ohne Interpunktion, allenfalls mal ein Ausrufezeichen. 

81 Zeilen/Verse sind 9 x 9 Zeilen/Verse – im Chinesischen steht die Zahl 9 für die Ewigkeit, für das „für immer“, für das Göttliche, für das Unantastbare, für das von Gott und vom Himmel gewollte Kaiserliche. Im europäischen Mittelalter stand die 9 für die besonders heilige, unantastbare dreimalige Dreifaltigkeit.

 

So ernst das Gedicht, so fein zwei kleine Inseln des Humors: Der „appgott“, wie er in diesem Gedicht „auf uns in uns“ herabfährt, trägt klanglich den Abgott in sich, den Götzen, den Fetisch – und natürlich sind es zwei Paar Schuh der Ehrerbietung, ob etwas auf uns herabfährt wie der Zorn Gottes, oder in uns herabfährt wie das Essen, das wir verdauen... 

Das einzige Wort, das in den 81 Zeilen (1981 bricht das erste Space Shuttle ins All auf) groß geschrieben ist, ist „Hause“. Wer dächte hier nicht an E.T., der heimwehgeplagt nach Hause telefonieren wollte? 

 

 

 

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