Drucken

"... I am haunted by..."

I am haunted by

 
 

 

”...I am haunted by...“ 
 
Es gibt
Bilder
aus Finsternis 
ins Nichts. 
 
Ein kleines Kind, fast wie ein Baby noch,
es liegt, geschmückt, ruht aus, schläft sicher? 
Der Himmel strahlt aus Weiß,
hell erleuchtet die Welt. 
 
Müde ist es wohl vom Spiel
im Freien kauert es friedlich, 
still und, ja, seidenschimmernd, 
die Nachtfalter Haut, 
 
auf allen Vieren, seinen sehr 
dünnen, wie betend fast, man 
möchte es aufnehmen oder 
streicheln seinen Kopf. 
 
Reichlich Platz hat es auf 
dürrem Boden
und niemand
stört es. 
 
Nur der Große Dunkle 
Vogel wacht
geduldig 
 
über das Kind und 
Das Ende. 
 
Uns. 

 

 

(aus: "planetenlieben" von Jamie Konrad)

 

 

Gedanken zum Gedicht

 

„… I am haunted by …“, … ich werde heimgesucht, verfolgt, gequält von… den Bildern der Wirklichkeit, dem Nachtmahr, der Wirklichkeit, gegen die man sich im Traum nicht wehren kann? 
 
In diesem Gedicht scheint alles traumhaft: das geschmückte Kind, der strahlend weiße Himmel aus der Finsternis heraus, der große, dunkle Vogel (man denkt an Ludwig Hirschs „Komm großer schwarzer Vogel“), die Ruhe begleitet vom Nachtfalter – jene übergroße Gruppe der Schmetterlingsarten, zu denen auch die Familie der Sphingidae gehört, der Sphingenartigen. Die Sphinx ist in der griechischen Mythologie ein Mischwesen mit einem Tierkörper und einem Menschenkopf, das Vorbeireisende mit einem Rätsel aufhält. Können sie es nicht lösen, werden sie erwürgt und vertilgt. Und wer kann schon echte Rätsel lösen, außer Ödipus, der dadurch auch nur seinem Schicksal weiter entgegeneilt?
 
Das Gedicht besteht aus einem Prolog in vier Zeilen. Es folgen sieben Strophen.
Davon vier vierversige Strophen, eine dreiversige Strophe, eine zweiversige Strophe und die einversige Strophe zum Schluss besteht nur noch aus einem Wort. Der Aufbau spiegelt ein stufenweises Wenigerwerden bis hin zum einsilbigen letzten „Uns". „Groß und Dunkel“ des  „Großen Dunklen Vogels" und „Das“ von „Das Ende", beginnen mit Majuskeln, was sich an die Beschreibung des Göttlichen anlehnt, jener außermenschlichen finalen Macht, die sich menschlichem Ermessen, menschlichem Erfassen, menschlichen Bildern und Erzählungen entzieht, genau so, wie das endgültige Ende (das dann sogar übergöttlich ist, weil es auch das Ende des Göttlichen wäre). 
 
Aber die Gedichtzeilen rufen auch Bilder der Wirklichkeit auf: Das Kauern auf dünnen Beinen und auf dürrem Boden lässt einen an die entsetzlich mageren Kinder mit ihren Wasserbäuchen und den ernsten, ausgemergelten Gesichtern während der Hungersnöte etwa in Somalia, in Äthiopien und im Sudan denken. Diese Wirklichkeit wurde unter anderem von dem Pulitzerpreisträger Kevin Carter in einem berühmten Bild festgehalten: 1993 fotografierte er im Sudan ein unterernährtes Kleinkind, das am Boden kauert, hinter ihm ein Geier, der zu warten scheint. Carter nahm sich 1994, im Alter von 34 Jahren das Leben. In seinem Abschiedsbrief schrieb er „...I am haunted by the vivid memories of killings & corpses & anger & pain…“ (Ich werde heimgesucht von lebendigen Erinnerungen an Morde & Leichen & Wut & Leid). 
Die Fotografie brachte Carter nicht nur den Pulitzerpreis ein, sondern auch Kritik, weil er sich Zeit für seine Arbeit nahm, aber nicht für das Kind. „Niemand stört es“ greift diese Kritik auf, fügt aber auch jene Facette der hilflosen Zurückhaltung hinzu, die uns allen innewohnt. Unterstrichen wird dies durch die bewusste Fehldeutung der Szene: "es liegt, geschmückt, ruht aus, schläft sicher?“, "Müde ist es wohl vom Spiel im Freien kauert es friedlich, still und, ja, seidenschimmernd, die Nachtfalter Haut“.   
Über das Kind, über uns und das Ende wacht nur der Tod. Das alleinstehende „Uns“ am Ende des Gedichtes schließt zugleich mit dem unvollendeten Satz im Titel ab: I am haunted by us, ich bin heimgesucht von uns, dem Lebewesen Mensch.

 

 

 

Jamie_Konrad_planetenlieben_QUICUMQUE_a        Askja_Modren_Windhauch_QUICUMQUE        Homepage_Ortsratsel_11x17