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Juli

Artikel des Monats Juli

 

9_Weniger_ist_mehr

Weniger ist mehr?

Wir sind uns nicht so sicher


Von Axenia Schäfer und Johannes Reich

aus: QUICUMQUE 3/2017

 

Es liegt voll im Trend, Konsum zu verweigern. Es liegt im Trend, sich und seinen Haushalt nicht vollzu­stopfen, bewusst zu entscheiden, was man einkaufen möchte, mit Verstand zu essen und zu trinken, sich der Informationsflut zu entziehen. Das Motto: Weniger ist mehr. Dafür gibt es lustigerweise Minimalismus-Coachings, Youtube-Anleitungen, Fernsehreportagen und jede Menge Ratgeberliteratur, von einschlägigen Facebookgruppen ganz zu schweigen. Schnell wird klar, dass der größte Überflussproduzierer, das Internet, auch für gewisse Minimalisten unverzichtbar scheint. Zumindest, sofern sie gehört und gesehen werden wollen. Gleich hier wird das Weniger-ist-mehr widersprüchlich.
Worum geht es – unabhängig von solchen verwirrenden Hinweiszeichen – beim Verkleinern und Runterschalten in der Hauptsache? Um die Hoffnung auf mehr Zeit für Menschen, die einem lieb und teuer sind, auf weniger Verbrauch, um Lebensgrundlagen zu schonen, auf mehr Genuss und Freude an dem, was man hat. Es geht um Hoffnung auf eine Art Reinheit und Sortiertheit, auf weniger Verpflichtung, auf neue Freiheit und Unabhängigkeit. Möglicherweise geht es auch nur um Sehnsucht nach neubiedermeierlichen Schneckenhäusern, nach Ordnung in Zeiten äußeren oder innerlich empfundenen Ordnungsverlustes.
Uns hat interessiert, ob die Rechnung immer und überall aufgeht, oder ob es nicht doch lohnt, Slogans durch Nachdenken zu ersetzen. Und zwar Nachdenken darüber, wo weniger und wo mehr gebraucht wird, damit am Ende nicht Preisgabe oder Selbstaufgabe drohen.

 

1. Einkaufen
Wir haben uns also umgeschaut und umgehört im Dschungel. Wir haben auch versucht, uns selbst ehrlich zu befragen. Nicht überrascht hat uns, wie viele es nervt, dass Sachen hunderttausendfach verpackt sind. Dadurch produzieren wir mehr Müll mit unseren Einkäufen, als uns lieb ist und nötig erscheint. Die Ökogurke im Plastikschlauch hat das Zeug dazu, Sinnbild des Überflüssigen schlechthin zu werden, wenn sie es nicht schon längst ist. Verpackt ist sie übrigens, damit sie im gemischten Supermarkt von ihren konventionell erzeugten Kolleginnen eindeutig unterschieden werden kann.
Einig waren sich alle darin, dass etliches von dem, was wir erwerben, nicht hinreichend haltbar ist. Das gilt besonders oft für Möbel und kleine Elektrogeräte. Entweder ist es billig zusammengeknallt und übersteht keinen Umzug, oder es wird von vornherein so gefertigt, dass Reparaturen teurer werden als Neuanschaffung. Bei Rechnern und Smartphones quälen die Updates, die selbst jüngere Maschinen so langsam werden lassen, dass man sich zu einem Neukauf gezwungen sieht.
Dann gab es noch das Reich der unnützen Anschaffungen – wie der untermotorisierte Fleischwolf, der kein Hackfleisch hinbekommt, oder der tausendteilige Werkzeugkoffer, von dem man doch nur drei Bits und den Zwölfer-Schlüssel im Einsatz hat. Und wer kennte es nicht, dass (hat man sich endlich aufgerafft) vollzogener Hausputz mit Ausmisten einen recht zufrieden zurücklässt. Der ein oder andere hat über die Tour sogar seine Kaufmannsseele entdeckt und verhökert den Überfluss mit Hilfe einschlägiger Online-Portale oder auf dem Flohmarkt. Andere nutzen Tauschbörsen oder verschenken, was sie nicht brauchen. Ein bisschen erinnert das an die Kaffeepäckchen, die früher im Geschenkpapier der ersten Gabe von einem Tantengeburtstag zum nächsten wanderten, bis das Haltbarkeitsdatum eine kritische Grenze erreichte.

Zwischenbilanz: „Weniger ist mehr“ scheint im Konsum-Kontext vorwiegend ein Konzept für Menschen, die bereits nicht wenig haben und noch mehr kaufen könnten. Wenn man in dieser Position ist, besteht schon ein Teil der Freiheit darin, zwischen viel, wenig und nichts wählen zu können. Leute, die nichts, wirklich gar nichts haben, und sich diesen Wahlspruch dennoch zu eigen machen, dürften Philosophen sein.


2. Vorläufervarianten digitalen Lebens
Teil an der Idee der Entschlackung und der großen Freiheit hat die Digitalisierung unseres Alltags: Statt Ordner voller Papier, statt gefüllter Bücher- und CD-Regale, statt an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit sein zu müssen, wird alles in die Cloud gepackt und man steuert sich und seinen Haushalt per App. Laut einer repräsentativen Studie von Splendid research haben fast 30% der Bundesbürger Smart Home-Anwendungen im Einsatz. Es hätte uns also nicht wundern müssen, wie viele Menschen um uns herum Freude an App-gesteuerter Technik haben – seien es Kameras zur Babyüberwachung, Uhren, die den Puls und die tägliche Anzahl getaner Schritte messen, oder Heizungs- und Jalousiensteuerungen.
Plastikgeld und Bonuskarten sind ebenfalls beliebt. Die Payback GmbH gibt an, dass derzeit in Deutschland 28 Millionen Einkäufer Punkte sammeln. Statista zufolge wurden 2014 hierzulande 700 Millionen Transaktionen mit der Kreditkarte getätigt und laut Check24 wurde weitere 1,02 Milliarden Mal allein im ersten Halbjahr 2014 mit der EC-Karte bezahlt. Schon länger beobachten wir, dass die Zahl derer, die auch größere Rechnungen bar begleichen, im Umfeld kleiner und kleiner wird. Die Abschaffung des Bargeldes wünschen sich einige Eiferer, Techno-, Büro- oder Autokraten sogar regelrecht – und nicht wenige Schafe solcher Wölfe.
Gründe für den oft gedankenlosen privaten Konsum all dieser datenhungrigen Technik: Auf den ersten Blick erscheint sie praktisch, bequem, schlank und übersichtlich, hilft sparen, macht Spaß, macht einen ortsungebundener, hält einen (etwa der Schrittzähler) zur Bewegung an. Aber genau besehen, hält es einen nur bei der digitalen Stange – daddeln rund um die Uhr. Und bei der digitalen Vermüllung, wie jeder an der ins Welt-Netz brandenden Flut von Selfies oder Fotos mit Essen darauf ablesen kann.
Den Kartenzahlern, Punktesammlern und Smarthomern scheint es wenig Sorge zu bereiten, dass ihre Aktivitäten im Hintergrund dokumentiert und ausgewertet werden. „Egal“, „ist halt so“ und „wer interessiert sich schon für meine Daten“, waren die häufigsten Antworten auf unsere Nachfrage. Bei der Lust an der digitalen Überwachung und Steuerung des Privatlebens zeichnet sich wohl eher eine Entwicklung zum „mehr ist noch zu wenig“ ab.

Wie viel Freiheit und Unabhängigkeit wird damit vergeben? Dazu zwei Gedankenexperimente: 1. Man stelle sich vor, die eigene Wohnung wäre verwanzt und videoüberwacht, die Post würde mitgelesen. Es würde protokolliert wie viel Stunden man am Tag im Bett liegt oder auf der Couch sitzt, wie oft man nachts wach wird, was man einkauft, ob man zuhause ist oder nicht, von wo aus man die Rollläden rauf und runter macht, welche politische Einstellung man hat, welche Zeitung man liest. Wie frei und unabhängig würden wir uns dann noch fühlen und welchen Einfluss hätte es auf unser Verhalten?
2. Man stelle sich vor, in der Krankenversicherung würden Zuschläge eingeführt, zum Beispiel für die, die zu viel Süßes und Salziges essen oder die zu viel Alkohol oder Milch trinken oder die zu viel Obst essen oder nicht die richtige Menge Zahnpasta und Zahnseide verbrauchen. Für die, die zu viel am Stück sitzen und für die, die nicht mindestens sechs Stunden pro Nacht schlafen. Nicht realistisch? Schon heute führen Versicherungen anhand von leicht zugänglichen, abgefragten oder freiwillig abgegebenen privaten Daten Risikobewertungen durch und es gibt verhaltensabhängige und folglich auch verhaltenssteuernde Tarife. Es wähne sich hier niemand auf der sicheren Seite, weil er meint, es träfe ja nur die anderen, die Unvernünftigen. Was „unvernünftig“ ist, bemisst sich nämlich eines Tages möglicherweise daran, was irgendeine Art von Kosten verursacht oder was eine Regierung, ein Monopol, Google, Facebook, eine Mehrheit oder eine mächtige Minderheit für zu teuer hält. Das kann das falsche Essen sein. Es kann völlig unvermutet ein Fahrstil sein, den man selbst für vernünftig hielt. Das kann auch zu viel Sicherheitstechnik im Auto sein, denn schwerverletzt überleben ist teurer als sterben. Wer das für zynisch hält, mag richtig liegen, ist aber vor einem bösen Erwachen nicht gefeit. Abgesehen davon büßt man die Freiheit der Entscheidung ein, was man selbst für vernünftig hält.
Noch nicht überzeugend genug? Dann ist es vielleicht die Realität aus China. Dort haben Internetkonzerne wie Alibaba und Tencent ein Bewertungssystem namens Sesame-Credits eingeführt. Es vergibt Punkte für Daten. Zu denen gehört das Einkaufsvolumen des Einzelnen bei den teilnehmenden Unternehmen und seine Zahlungsmoral. Aber auch Vollständigkeit der Informationen (zum Arbeitsplatz etwa oder dem Familienstand) sowie das Verhalten der digital verknüpften Freunde fließen in die Punktzahl ein. Mehr Punkte, größere Kreditwürdigkeit. Die chinesische Regierung wiederum arbeitet an einem ähnlich gestrickten „Social-Credit“-System. Darin werden Punkte für erwünschtes Verhalten vergeben. Bis 2020 soll jeder Chinese und jedes chinesische Unternehmen im Punkteverzeichnis erfasst sein. Von hier aus ist es nur noch ein Klick und jedermanns Posts und Likes und die Posts und Likes seiner digitalen Freunde, eigene Einkäufe und Einkäufe der Freunde, die eigene Zahlungsmoral und die der Freunde werden miteinander verrechnet. Das wird ein Fest: Eine Wohnung, eine Arbeit, eine Frau zu finden, kann vielleicht sogar unmöglich werden, wenn man, auch aufgrund seiner Kumpels, miese Werte hat.
Und wer jetzt noch denkt, dass China doch zum Glück weit weg ist: Facebook hat Patente für Systeme erworben, mit deren Hilfe man unter anderem die Kreditwürdigkeit eines Nutzers auf der Grundlage der Kreditwürdigkeit der mit ihm über das Netzwerk verbundenen Freunde beurteilen kann. Wenn dann bei uns Parteien an die Macht kommen, die immer schon mal „durchregieren“ wollten und von der neuen Gesellschaft träumen...
Zwischenbilanz: Weniger digital ist mehr – weniger Vernetzung ist mehr. Mehr mindestnotwendige Freiheit. Mehr existenzielle Sicherheit. Mehr Unversehrtheit. Mehr Bewahrung vor maligner Zerstörung. Mehr Wahrung meiner Kontrolle über mein Selbst. Mehr Mut, dem obszön wuchernden Anspruch Dritter auf Kontrolle meines Seins Einhalt zu gebieten. Mehr eigenes Denken und mehr Individuum. Aber noch – noch interessiert das kaum jemanden!

 

3. Wissen
Die Gespräche und Diskussionen auf der Straße, im Treppenhaus, am Abendbrottisch drehen sich nicht selten um Politik und Wirtschaft. Und immer wieder darum, was zu tun und zu lassen wäre. Und zwar am liebsten von den anderen: den Politikern, den Großkonzernen, den Arbeitgebern, den Landwirten, den Reichen, den Schulen, den Migranten und den Nachbarn, die grad nicht dabei sind. Bohrt einer tiefer, dahin, wo es kompliziert, unübersichtlich, zahlenlastig wird, werden die Schweigeanteile größer. Das liegt zum einen in der Natur der Sache, weil man mit zunehmendem Komplexitätsgrad mehr nachdenken muss. Das liegt aber auch daran, dass zu wenig gewusst wird, um das Viele argumentativ zu bewältigen. Wir haben zwar an dem einen Ende Menschen gefunden, die umfassend informiert und zudem gebildet sind, dafür an dem anderen Ende auch welche, die einfach keine Zeitung mehr aufschlagen und keine Nachrichten hören. Und dazwischen war ein sehr breites Feld aus unzureichendem Wissen, in dem wir uns selbst wiederfanden.
Gerne belächelt man die Ungebildeten des Mittelalters, die weder rechnen noch schreiben konnten und sich auf das verlassen mussten, was die Obrigkeit diktierte. Man wähnt sich demgegenüber aufgeklärt und ist überzeugt, sich seines eigenen Verstandes bedienen zu können. Auch den Mut dazu zu haben. Man wähnt sich wissend und darauf aufbauend zu eigenem Urteil befähigt. Hält das einer Prüfung stand? Wer kennt die Mitglieder des Bundeskabinetts und ihre politischen Positionen? Wer kann die Gewaltenteilung und die Zuordnung der Aufgaben richtig und einigermaßen vollständig erklären? Wer kennt die ersten 20 Paragrafen unseres Grundgesetzes? Wer weiß, welche Befugnisse der Bundespräsident hat? Wer kennt die Institutionen der Europäischen Union und ihre Aufgaben? Was sind Aktien und was Anleihen? Was bedeuten Freihandel und Globalisierung genau? Wie schaut man eine Statistik kritisch an? Wie funktioniert moderne Landwirtschaft mit und ohne öko? Wie programmiert und sichert man einen Computer? Wie funktioniert das deutsche Krankenversicherungssystem? Wie funktioniert künstliche Intelligenz und wie die natürliche? Warum glaube ich, die richtige Meinung zu haben? Woher habe ich diese Meinung überhaupt? Könnte viel Meinung nicht auch zu wenig sein?
Wo wir hinschauen, auch in den Spiegel, überall moderne Analphabeten, Gläubige, Unwissende. Nicht unbedingt auf jedem Gebiet – im Gegenteil, es gibt sehr viele Fachleute. Aber die sind eben auf das eigene Fach konzentriert und haben wenig Muße, sich mit dem zu beschäftigen, was man Allgemeinbildung nennt. Wir haben mehr Menschen gefunden, die sich darauf verlassen, dass es schon irgendeiner richtig weiß und richtig macht und dass jemand die relevanten Passagen, wenn es um die eigenen Belange geht, langsam vorliest. Dieses Verfahren ist aber nichts anderes als selbstverschuldete Unmündigkeit, wie Immanuel Kant sie vor über 200 Jahren definiert hat: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, [...].“ Kant hat auch eine kernige Erklärung parat, was die Gründe hierfür sein könnten: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen [...], dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ Wenig ist oft und gerne schon zu viel, wenn es ums selbständige Denken (mit ordentlichen Argumenten statt bloßem Meinen) geht. Wenig ist oft und gerne schon zu viel, wenn es um Verantwortung für sich selbst und das Überwinden von Faulheit und Feigheit geht. Dabei dreht es sich nicht nur um Faulheit als Form von Bequemlichkeit. Es geht längst auch um Faulheit, die gar nicht mehr weiß, dass sie Faulheit ist – die gar nicht mehr weiß, dass da überhaupt etwas ist, etwa ein Feld, das durch die eigene Faulheit nicht beackert und bestellt wird. Es geht um die Faulheit, die nichts von sich weiß und in der Folge die eigene paradiesische Naivität als Überlegenheit des vollen Durchblicks missinterpretiert. Es geht um die Faulheit, die nichts von sich weiß, weil sich ihr zu lange ungestraft und konsequenzenlos hingegeben werden konnte. So lange, dass sie sich bestenfalls als Selbstüberschätzung entdecken ließe: Ich kann alles, denn ich habe Youtube-Anleitungen geschaut. Ich weiß, dass ich alles weiß, denn ich habe zu allem eine Meinung. Eine Meinung, die das ganze Erdenrund mit mir teilt – schließlich bin ich und like ich wie der kleine Rest der Welt auf Facebook. Ich youtube, also bin ich. Ich like, also bin ich. Ich poste, ich followe, also bin ich. Ich bin geliked, also bin ich. Wir liken uns und followen uns überall hin. Deswegen sind wir! Alle! Alles!
Ich bin, also denke ich... im Stakkato der internetkompatiblen Dreiwortsätze. Am liebsten mit dem Smartphone auf dem Klo hockend... also denke ich... denke ich ganz, ganz viele liebe Gedanken. Da soll mir einer mal dumm kommen und denken... Dann aber! Dann kommt er, der Shitstorm! Entfesselt vom selbst produzierten Scheiß... Sturm von meiner Scheiße, meiner göttlichen! Ich! ...ein Gott! ... der Scheiße! Ich scheiße, also bin ich! Heureka.
 
Faulheit und Feigheit sind so schwer zu bekämpfen wie Jakobs-Kreuzkraut. Deswegen sind auch in Demokratien Tugenden und Pflichten der Mündigkeit mühsam, aber mehr zu erlernen und jeden Tag aufs Neue hochzuhalten: Mehr Fleiß, Nachdenklichkeit, Selbstbefragung, Selbstkritik, Selbstbeschränkung, Disziplin, Bescheidenheit und Skepsis würde vielleicht weniger (in den sozialen Netzwerken dann auch noch sofort millionenfach wiedergekäuten) Schwachsinn nach sich ziehen. Und weniger Schwachsinn, weniger Ego­stuss, weniger vom Schlechten, davon kann es nie genug geben.
Die Aufklärung, besser: die Aufgeklärtheit, die es in den uns unmittelbar betreffenden Bereichen bräuchte – kommunale, nationale, europäische und internationale Politik, Geschichte, Wirtschaft, Ernährung, Informationstechnik und mittlerweile sogar in der Bildung, ist zwar jederzeit möglich, aber enorm anstrengend und womöglich auch nicht in ausreichendem Maße Teil der heutigen Schulpädagogik. Eine Studie aus dem Jahr 2012 offenbarte beispielsweise, dass 45% der Neunt- und Zehntklässler überzeugt sind, dass die alte Bundesrepublik keine Demokratie war, 39% denken, dass unser politisches System auch jetzt keine Demokratie ist, und fast ein Viertel meint, dass die Herrschaftsform des Deutschen Reiches von 1933 - 45 keine Diktatur war. Auch ein Blick in die Zahlen des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger verheißt nichts Gutes. Danach haben im Jahr 2014 zwar drei von fünf Deutschen über 14 Jahre regelmäßig eine gedruckte Tageszeitung gelesen und rund 45% Internetzeitungen aufgerufen. Aber schaut man auf das, was gelesen wird, dann sind es bei 86% der Leser die Lokalnachrichten. Nur 67% interessierten sich für Innenpolitik, 55% für Außenpolitik, gerade mal 34% für Wirtschaft und 31% für Wissenschaft und Technik. Zusätzlich fördert die weit verbreitete Copy-and-Paste-Praxis unter Lehrern, Schülern und Studenten nicht nur einen Bildungsnotstand, sondern zusätzlich digitale Monopole, deren Schranken- und Hemmungslosigkeit kaum noch verstanden werden, geschweige denn rückgängig gemacht werden können: Was nicht bei Google, Facebook, Youtube, Wikipedia und Amazon erscheint, ist schlicht nicht existent. Was dort nicht auf der ersten Seite und in den ersten Zeilen zu finden ist, fällt in der Informationsverarbeitung hinten runter. Spinnt man diesen Faden weiter, kann ohne Mühe Wissen, Geschichte, Kultur durch bloße GAFA-Nichterwähnung oder, noch effektiver, durch geeignetes Suchalgorithmendesign vernichtet werden. So wie die Taliban mit der Sprengung der Buddhastatuen von Bamiyan vorislamische Geschichte unsichtbar machten – nur geräuschloser.
 
Zwischenbilanz: Weniger kritisches Denken und weniger überlegtes Handeln ist nichts.


 
4. Schlussbilanz
Die QUICUMQUE befasst sich mit autarkem Leben und Selbstversorgung – wozu also die frommen Klimmzüge? Die Antwort darauf findet sich in der Vermutung, dass alles Wissen und Können rund um Kulturtechniken (etwa wie man Wasser aus der Tiefe und Essen aus dem Garten bekommt) traurig bleibt, wenn man nicht in einem Umfeld lebt, in dem man frei sein darf. Freiheit kann dabei (ganz pragmatisch) bedeuten, dass die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers und des Geistes so wenig wie möglich durch vorhandene oder fehlende Gesetze eingeschränkt werden. Die besten Garanten hierfür scheinen weder Anarchie noch Diktatur noch Pseudodemokratie zu sein, sondern am ehesten Systeme mit faktischer Gewaltenteilung, demokratischer Legitimation des zeitlich zu beschränkenden Besitzes von staatlicher Gewalt, Debattierfreudigkeit in den Parlamenten und lustigen Bürgern – Menschen, die Lust daran haben, Freiheit zu pflegen und jeden Tag aufs Neue einzuüben.
Slogans können so fatal sein wie der Wunsch nach starken Führern und entmündigenden Regeln – alle drei verführen nämlich dazu, sein Hirn überhaupt nicht mehr mit Gedanken jeglicher Art zu belasten und die eigene Unfreiheit und sein Unwissen zu bejubeln. Monopole in den Bereichen Informationsvermittlung und Informationsaustausch, wie wir sie derzeit in der digitalen Welt selbst schaffen, können die Freiheit des Denkens erheblich beeinflussen und beschneiden. Ideologisierte Zwangswirtschaft kann das reichste Land in Armut und Chaos stürzen – siehe Venezuela. Politische Systeme können sich – man schaue nur nach Polen oder in die Türkei – schnell ändern, werden rigide und schränken individuelle und institutionelle Freiheiten ein. Oder man selbst wird rigide und verliert seine Großzügigkeit gegenüber dem Anderen, verliert den Blick für den Wert einer kontroversen Diskussion, verliert seine Risikobereitschaft und verlernt, das Durcheinander des Lebens auszuhalten und zu begrüßen.

Hohle Phrasen wie „Weniger ist mehr“ tragen nicht weit, es sei denn, man definiert, wovon es zu welchem Zweck weniger geben sollte und welches Mehr das nach sich ziehen könnte: Weniger vom Doofen, Eitlen, Selbstgefälligen, Faulen ist mehr Verantwortung, Freiheit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Wahrheit, Lebensbejahung, Erkenntnis. Auf dieser Grundlage wäre weniger vom Falschen mehr vom Richtigen, mehr Anstrengung und Konsequenz in die richtige Richtung und – vielleicht – mehr vom ersehnten Glück.