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Gedichte lesen

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Aktuell: Anorak
aus "planetenlieben" von Jamie Konrad
 
Sprache ist Natur und Kultur zugleich. Während man sich später im Leben vielleicht gelegentlich daran erfreut, dass man das ein oder andere in der Schule nolens volens Auswendiggelernte deklamieren kann, ist die verfeinerte, nachdenkliche Befassung mit dem geistigen Genussmittel Lyrik mittlerweile wohl noch seltener anzutreffen als gemeinsamer Gesang mit den Nachbarn bei der Ernte oder beim Feierabendbier. Sich Lyrik mit Lust und Verstand, mit Lust am Verstehenwollen zu nähern, ist eine untergehende Kulturtechnik. 
 
 

Aber wer weiß, vielleicht lässt sich diese Kulturtechnik ja wiederbeleben?

 

Zum Einstieg, zum wieder Neugierigmachen hatten wir aus 

Jamie Konrads „planetenlieben“ das Gedicht lebensvermessen (fanciulli di girolamo)“ ausgewählt. 

Es folgten "... I am haunted by..."

"Hätten wir"

und "Was weiß ich..."

 

 

 

Unsere aktuelle Auswahl: Anorak

aus "planetenlieben" von Jamie Konrad 

 

Natürlich freuen wir uns auf Post von unseren Lesern mit eigenen Gedanken, Überlegungen und Assoziationen zum Gedicht an verlag@quicumque.de oder per Briefpost an die Verlagsadresse.

 

 

 

Anorak 

 

Anorak! Wann bist du verschwunden? 

Damals, als nach zähem Wandertag, 

endlich Kerstins Arm erreichbar lag, 

dass ich sie fragte unumwunden, 

warst du verschwiegen Unterdecke 

von unsrer flüchtgen Kosmosecke. 

Hab ich je Besseres gefunden? 

 

Anorak! Wo bist du geblieben? 

Damals, als Wetter draußen war
und mittags die Kartoffeln gar,
als winters wir uns Hände rieben, 

hast du Weltenträume eingepackt 

von Männlein, ohne Mofa nackt, 

selbst ihre Mädchenangst vertrieben. 

 

Ängste haben sie heut doch schon wieder, 

weil’s, einfach so, dich nicht mehr gibt. 

Outdoorjacke heißt du jetzt, innerlich
recht anorektisch, zum Trost naja mit Fleece. 

Natürlich nicht wie das der Argonauten,
denn es ist selten Gold, was auch nicht glänzt. 

Egal wie praktisch, blasse Männer gehen 

nicht mehr gern nach draußen vor die Tür. 

 

(aus "planetenlieben" von Jamie Konrad)

 

 

Gedanken zu Jamie Konrads Gedicht 
(von Annette Buschhorn, im Januar 2020)

 

Anorak – dieses Wort muss ich seit Jahrzehnten, nein, seit Epochen nicht mehr gehört haben. Es muss lange vor der Zeit gewesen sein als die ersten Fashion Week-Partygirls ihren gepiercten Berghain-Nabel für den der Welt hielten. Womöglich war es sogar länger her als die tödlichen Schüsse von Miami auf Gianni Versace. 

 

Als sich die drei Silben von Jamie Konrads Gedicht in meinem Kopf lautmalend zusammenfügen –  An-O-Rak – werde ich melancholisch und zurück in die ewige Vergangenheit des Ichs meiner Schulzeit geworfen. Dorthin, wo sich das Geheimnis des erst- und einmalig selbst Erlebten verbindet mit den komplexen Geruchs-, Klang-, Bilder- und Gefühlswelten der Kindheit. Zunächst unbemerkt und achtlos in den trockensten Staub hinterster Winkel des Gehirnspeichers gekehrt, um später, viel später, scheinbar zufällig, jedoch mit kaum zu beschreibendem Überwältigungsfeuerwerk ins Hier und Jetzt zu explodieren, da der Schlüsselreiz als Funke zündet. 

 

Bereits mit der ersten Zeile des Gedichts zündet dieser Funke in mir, überwältigt mich und zieht mich mit jeder weiteren Zeile immer tiefer in ein intensives Gefühlsflashback. Ich rieche das Leder des Sattels meines ersten Damensportrads, die Salami meines wie immer etwas zu trockenen Pausenbrots und das Stickigsaure des Schulkartenraumes.

 

Gleich die erste Strophe – ein anklagend-beschwörender Anruf der eigenen, verlorenen Jugend. „Anorak! Wann bist Du verschwunden?“ dringt mit stärkster Assoziationskraft und verführerisch schwingendem Reim wie Rhythmus sofort zum Kern vor und führt meine Gedanken zu Schulwandertagen, deren pädagogischen Zweck man, wenn überhaupt, dann bestenfalls duldend hinnahm. Stattdessen ging es – und hier war so ein Wandertag ab einer bestimmten Klassenstufe als günstige Gelegenheit wirklich erstklassig – worum es dann eigentlich immer ging: Um Sex. Sex in erster, ahnender, tastender Form. Also ging es zunächst auf den Wandertag und dort um größtmögliche Nähe zum Begehrten. Um die kommende Supernova eines neu erahnten Kosmos explodieren zu lassen oder sie zumindest auf eine Verabredung zur vorgeblichen Forschung mit einem Baukasten gleichen Namens auf dem Planeten des eigenen Jugendzimmers zu vertagen. Mein erster Freund Ulf hatte zwar keinen Kosmos-Chemiebaukasten, aber wenn er mich küsste, ging es um mehr als die Chemie zwischen uns – es ging um das ganz Große, das große Ganze, es ging um Alles! In einem neuen Universum, das heute verloren scheint. 

 

Die zweite Gedichtstrophe, immer noch im gleichen, umarmenden, groovenden Reim- und Rhythmusschema wie die erste, beschwört die gleichzeitige heimliche Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Kleinbürgerlichkeit, nach intakter Familie, nach Überschaubarkeit und Halt und verlässlichen Regeln, die unsere antagonistische Sehnsucht nach der Grenzüberschreitung, nach der Rebellion des Herzens, nach dem Geheimnis, auch dem Geheimnis erster Liebe, erst ermöglicht. 

Denn solche Liebe erfordert das Heraustreten aus dem Bekannten, Geschützten – in Unbekanntes, womöglich Furchteinflößendes.

Unserer Furcht standen die scheinbar unumstößlichen und gleichzeitig fesselnden Größen des Alltags entgegen, gaben ihr gleichzeitig Halt wie den Überwindungsrahmen: Wo es heute günstigstenfalls noch Business Luncheons oder die Papplunchveggiebox vom Asia-Deli um die Cosmo-Ecke aller Welt als Zeichen der Entwurzelung gibt – die sich scheinbar ewig wiederholende kleinfamiliäre Mittagsessensliturgie markierte einst das bundesdeutsche Zentrum der inzwischen verlorenen, jedoch umso verzweifelter gesuchten Mitte der Gesellschaft. 

Mit Kartoffeln! Pellkartoffeln, Bratkartoffeln, Salzkartoffeln, Kartoffelbrei (wir hatten sogar eine ständig zentnerschwer befüllte Kartoffelhorde im Keller stehen). Kartoffeln anstelle von Sushi, Thai, Döner, Pasta, Kebab, Pok Bowl, Enchilada und so weiter. 

Und zu den Kartoffeln passte das Wetter. Wie auf die Kartoffeln, konnte man sich auch auf das Wetter verlassen. Zumindest in der Erinnerung. In der Erinnerung ist alles gut. 

 

Diese Kartoffeln aber, Dein Wetter und Dich, Anorak, gibt es nicht mehr. Die wärmende Sicherheit der Sinn wie Unsinn stiftenden Rituale Deiner untergegangenen Welt natürlich stets besserer Zeiten ist verloren. Es gibt nur noch einen dürren, hypernervösen Abklatsch all dessen. Der macht den Verlust der Konstanten wie der herzfrequenzsteigernden Geheimnisse des wunderbaren Zufalls der Vergangenheit – treff ich ihn, treff ich ihn nicht? – und des erhofft Ungewissen – wird er mich küssen, wird er mich nicht? – umso schmerzlicher spürbar. Die dritte und letzte Strophe des Gedichts wird nun in kalter Konsequenz reimlos und verlässt den schwebend heimeligen Rhythmus der ersten beiden Strophen, ja wird fast arrhythmisch. Aus den jeweils sieben Versen der ersten beiden Gedichtstrophen, die Kindheit und Jugend markieren, werden nun acht, die wirken, als würden sie sich, nun jenseits des Volljährig-Seins, gegeneinander sperren. Sinnentleertes, Sinn wie Sinne verkrüppelndes Textnachrichten- und Nachrichtentext-Blech suggerieren uns eine armselige Form von Sicherheit, die in Algorithmen und Zwangshandlungen gefesselte Welt zu bannen, doch sie töten die Zukunft, die Träume, das Verlangen, die Sehnsüchte, das Unausgesprochene, den Rhythmus und den Reim, den wir uns einmal machen konnten. Auch dieser Verlust löst Ängste aus, jedoch in unserer zwischenzeitlichen Gegenwart von einer Dimension, die uns nun blass in unserem fensterlosen Innen gefangen hält. In unserem Kontrollwahn ist die Außenwelt so erschreckend unberechenbar geworden, dass sie keine Zukunft mehr für uns hat.

 

Schöne neue Welt!

 

Anorak – you are deeply missed!

 

 

 

 

 

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